Schreiben mit Gefühl

Schreiben hat viel mit Regeln zu tun. Ein guter Autor beachtet Rechtschreibung, Grammatik und Syntax. Er konstruiert eine logische Handlung, komplexe Figuren, knackige Konflikte und vieles mehr. Schreiben ist zu einem großen Teil Handwerk und Disziplin. Aber nicht nur.

Ohne Gefühle geht es nämlich nicht. Erst Gefühle machen aus einem guten Buch ein sehr gutes Buch. Wer nachempfinden kann, was die Figuren gerade durchleben oder antreibt, identifiziert sich leichter mit ihnen und kann das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Dazu müssen Sie aber keine kitschigen Liebesromane schreiben! Auch ein brutaler Psychothriller steckt voller Emotionen, allerdings hauptsächlich negativen wie Angst, Rache, Wut oder Ekel.

Die eigenen Gefühle

Wie aber bringen Sie nun Emotionen in Ihr Manuskript? Wenn Ihnen das Thema schwer fällt, erinnern Sie sich an Ihre eigenen Gefühle. Ist Ihre Hauptfigur gerade frisch verliebt? Dann denken Sie daran, was Sie damals (oder sogar heute?) gefühlt haben. Schmetterlinge im Bauch und ein breites Dauergrinsen gehören genauso dazu wie schweißnasse Hände und die Angst, dass die Gefühle nicht erwidert werden.

Diese Übung funktioniert natürlich auch bei allen anderen Emotionen. Wann waren Sie in großer Sorge? Wie genau hat sich Erleichterung angefühlt? Schreiben Sie alles auf und picken sich die Merkmale heraus, die zum Charakter Ihrer Figur passen.

Die Gefühle der Figuren

Jetzt verfügen Sie über ein umfangreiches Repertoire an Emotionen. Dies sollten Sie passend zur jeweiligen Szene einsetzen. Dabei ist wichtig, welche Grundstimmung Sie erzeugen möchten oder welche Bedeutung die Szene für die Handlung hat. Falls es Ihnen hilft, können Sie beim Schreiben die passende Musik wählen. Eine Ballade oder laute Rockmusik bringen Sie schnell in die richtige Stimmung. Aber bitte wechseln Sie düstere Szenen mit positiven ab und umgekehrt, damit keine Langeweile beim Lesen aufkommt.

Lassen Sie Ihre Figuren gerne eine Mischung aus Gefühlen durchleben. Das macht sie authentischer. Niemand ist nur glücklich oder traurig. Wenn Jennifer z. B. einen wichtigen Vortrag halten muss, ist ihr sicherlich etwas flau im Magen und die Hände sind vor Nervosität zittrig. Zusätzlich könnte sie aber auch stolz sein, weil ihre Kompetenz anerkannt wird, oder erwartungsvoll, weil ein wichtiger Geschäftspartner anwesend ist.

Gefühle zeigen

Sie ahnen es sicherlich: Vermeiden Sie platte Beschreibungen! „Ben war stinksauer“ reicht nicht, um die Leser mitfühlen zu lassen. Schreiben Sie stattdessen, was Ben tut, wenn er stinksauer ist. Wirft er mit Gegenständen? Wird sein Gesicht knallrot? Oder schaut er seinem Gegenüber reglos in die Augen? Die emotionale Reaktion Ihrer Figuren sollte zum Charakter und zur Situation passen, damit Sie Ihre Leser nicht irritieren. Eine schüchterne Sekretärin stellt sich nicht plötzlich auf den Tisch und ruft zur Meuterei auf.

In den folgenden Beispielen werden Richards Gefühle kein einziges Mal konkret benannt. Sie werden stattdessen durch seine Handlung, Gedanken und Körperhaltung ausgedrückt.

Richard schob den Einkaufswagen durch die Gänge. Die Menge an Blumen wollte nicht aufhören. Welche hätte Hildegard ausgesucht? Der Stich in seinem Herzen erinnerte ihn, wie sie in ihrer Gartenschürze auf dem Boden kniete und mit dem Handrücken eine widerspenstige Haarsträhne vergeblich hinter das Ohr steckte. Wenn Hildegard lächelnd von ihren Blumen sprach, schien ihre Erkrankung verschwunden. Und genau so wollte Richard sie in Erinnerung behalten. Eine Träne lief ihm die Wange herunter, als er schlurfend mit dem Einkaufswagen nach den passenden Blumen suchte.

In dieser Szene fühlt der Leser den Verlust, den Richard durch den Tod seiner Frau erlitten hat. Trotz Trauer und Schmerz ist aber auch die Liebe zu spüren, die er für Hildegard empfunden hat.

Richard eilte mit dem Einkaufswagen an den Reihen von Blumen vorbei. Um die frische Erde in seinem Garten zu bepflanzen, suchte er möglichst große. So würde niemandem die verdächtige Form des Beetes ins Auge fallen. Bisher hatte Richards Plan hatte fehlerfrei funktioniert. Die Nachbarn würden hoffentlich nicht mehr lange nach Hildegard fragen. Und bald konnte er sein neues Leben beginnen. Kein stundenlanges Gekeife mehr, nie wieder süßliches Parfüm in der Luft. Richard atmete tief durch, straffte die Schultern und griff beherzt nach einer Staude.

Obwohl Protagonist, Ort und Handlung dieselben sind, wirkt die Szene ganz anders. Hier sind Ungeduld, Erleichterung und Hass vorhanden. Richard ist endlich von Hildegard erlöst und spürt keinerlei Reue über seine hinterhältige Tat.

Dialoge sind ebenfalls eine gute Wahl, um Gefühle zu verdeutlichen. Hier leidet eine Figur unter Sorgen und Zweifeln.

„Wieso hast du so tiefe Falten auf deiner Stirn?“
„Mir gehen Sarahs letzte Worte nicht aus dem Kopf. Was ist, wenn sie doch Recht hat?“

Eskalation erwünscht

Sollte die Szene dennoch leer wirken, verstärken Sie die Emotionen. Statt verärgert zu sein, ist Ihre Figur stinksauer. Die Freude über den neuen Job ufert in einer wilden Partynacht aus. Seien Sie also nicht zu vorsichtig, wenn es um Gefühle geht. Riskieren Sie etwas und schicken Ihre Protagonisten in einen (glaubwürdigen) emotionalen Ausnahmezustand. So gewinnt Ihr Buch an Spannung und die Herzen Ihrer Leser.

 

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