Glaubwürdige Antagonisten

Viele Geschichten werden erst durch den Konflikt zwischen Protagonist und Antagonist spannend. Wenn zwei Figuren erbittert gegeneinander kämpfen, fiebert der Leser mit. Darum sollten Sie nicht nur Ihren Protagonisten sorgfältig entwerfen. Ein glaubwürdiger Gegner lässt den Helden wachsen und treibt die Handlung voran. Das muss nicht unbedingt der klassische Schurke sein, Antagonisten können viele Gesichter haben.

Eine kleine Anmerkung vorab: Auch wenn ich den Antagonisten in der maskulinen Form verwende, gilt dasselbe natürlich für Frauen. Sie stehen den Männdern an Bösartigkeit nicht nach, wenn vielleicht auch auf eine andere Art.

Der stereotype Antagonist

Er ist das personifizierte Böse, weil er sämtliche negative Eigenschaften vereint. Dieser Charakter ist gemein, hinterhältig, gewalttätig, rücksichtslos und eignet sich bestens für den Klassiker „Gut vs. Böse“. Er ist entweder gefühlskalt oder aber erfreut sich am Leid der anderen. Der Sinn seiner Existenz besteht darin, es dem Protagonisten so schwer wie möglich zu machen. Dafür wird er meist am Ende mit einer Niederlage bestraft.

Leider ist dieser Charakter vorhersehbar und wirkt eindimensional. Wenn Sie einen vollkommenen Schurken für Ihre Geschichte benötigen, geben Sie ihm mehr Tiefe. Auch Psychopathen und Soziopathen bestehen aus mehreren Seiten. Sie sind nicht grundlos blind vor Hass und können charmant zu anderen Menschen sein (um sie dann besser manipulieren zu können, natürlich!). Statten Sie Ihren Antagonisten also mit physischen oder charakterlichen Merkmalen aus, die seine Bösartigkeit nicht allzu offensichtlich machen.

Der unfreiwillige Antagonist

Dieser Charakter ist eigentlich gar nicht böse, wird aber durch jemanden oder gewisse Umstände dazu gezwungen. Auf diese Weise entsteht ein spannender innerer Konflikt. Der liebende Familienvater möchte seinen Chef eigentlich nicht erpressen. Er sieht aber keine andere Möglichkeit, die teuren Medikamente für seine chronisch kranke Frau zu bezahlen.

Indem Sie der Figur eine traurige Geschichte geben, werden die Leser sogar Sympathien für sie entwickeln. Dieser Typ ist ein unglücklicher Held. Seine Absichten sind ehrenhaft, seine Taten aber nicht.

Der unfreiwillige Antagonist lässt Ihnen auch bei der Handlung mehr Spielraum. Er kann doch noch eine vernünftige Lösung für seine Probleme finden oder aber trotz allem scheitern. So bleibt es auch für die Leser spannend, wie die Geschichte für diese Figur endet.

Der bekehrte Antagonist

Neben dem besiegten Bösewicht verspricht dieser Typ ebenfalls ein Happy End. Der Held schafft es, seinen Gegner zu überzeugen und auf die gute Seite zu ziehen. Er ist kein hoffnungsloser Fall wie der stereotype Antagonist, da er noch über ein Gewissen verfügt. Die unerwartete Wendung vom Bösen zum Guten peppt jede Geschichte auf.

Es geht aber natürlich auch andersherum. Als besondere Überraschung für Ihren Protagonisten und die Leser taucht der Gegner an vollkommen ungeahnter Stelle auf. Der beste Freund fällt dem Helden in den Rücken und wechselt zur dunklen Seite der Macht. Das ist purer Verrat – und die Spannung garantiert!

Der gute Antagonist

Es muss nicht zwingend ein Schurke sein, der dem Helden das Leben schwer macht. Ein Antagonist kann ebenso eine strenge Lehrerin, ein Kontrahent oder ein Polizist sein. Die Hauptsache ist, dass er den Wünschen und Bedürfnissen des Helden im Weg steht. Es geht dann nicht um den Sieg über den Antagonisten, sondern um das Erreichen des Zieles trotz der Widrigkeiten.

Der abstrakte Antagonist

Entscheiden Sie sich für einen abstrakten Antagonisten, verfügen Sie über unendliche Wahlmöglichkeiten. Ihr Held kann eine persönliche Fehde mit dem Hund der Nachbarn haben, der die ganze Nacht bellt und Schlaf unmöglich macht.

Es geht aber auch noch größer. Der Protagonist kämpft z. B. gegen gesellschaftliche Missstände, politische Korruption oder einzelne Institutionen. Diese werden natürlich von Figuren repräsentiert, die aber auch anonym als Masse auftreten können. Auch Naturkatastrophen oder ein Krieg sind ein gewaltiger Gegner für Ihren Helden.

Der Protagonist kämpft gegen sich selbst

Es ist auch möglich, dass der Protagonist sein eigener Gegner ist.  Dabei steht er sich selbst im Weg, weil er z. B. seine Sucht beenden muss, an Selbstzweifeln oder einer geistigen Störung leidet. Vielleicht hat er auch zu hohe Erwartungen, die in der Realität unerfüllbar sind. Dieser innere Konflikt gibt dem Helden mehr Tiefe und erleichtert den Lesern die Identifikation.

Tipps für die Entwicklung des Antagonisten

Wenn Sie wissen, welche Art Antagonist Ihrer Geschichte die perfekte Spannung verleiht, können Sie der Figur mit folgenden Tipps Glaubwürdigkeit verleihen:

  • Planen Sie den Antagonisten ebenso ausführlich wie Ihren Helden. Erstellen Sie einen Lebenslauf, entwerfen Sie physische und psychologische Merkmale. So wirkt er menschlicher. Je mehr Sie und der Leser über diese Figur wissen, umso plausibler wird sein Handeln. Denken Sie auch daran, ihn mit positiven Eigenschaften auszustatten. Welche Vorlieben und Werte hat der Antagonist? Was macht ihn verletztlich und warum ist er so böse?
  • Statten Sie Ihren Antagonisten so aus, dass Ihr Held ihn nur schwer besiegen kann. Agiert der Schurke allein oder hat er ein Heer von Anhängern? Besitzt er außergewöhnliche Fähigkeiten wie z. B. überdurchschnittliche Intelligenz? Was auch immer es ist, der Protagonist muss sich weiterentwickeln, um am Ende siegen zu können.
  • Welche Verbindung besteht zwischen Protagonist und Antagonist? Warum hassen sich die beiden Figuren? Nur wenn Sie eine Beziehung zueinander haben (Chef vs. Mitarbeiter, Gewerkschafter vs. Politikerin, Ehemann vs. Liebhaber), ist der Konflikt logisch und glaubwürdig. Der Sieg des Helden und der Fall des Gegners müssen zusammenhängen.
  • Ganz wichtig: Der Antagonist empfindet sich in seiner Welt als Protagonist. Sein Handeln hält er für rechtschaffen, logisch und gerecht. Aus seiner Sicht kämpft er für das Gute. Das muss auch der Leser verstehen können.

Ich wünsche Ihnen viel Spaß bei der Entwicklung dieser spannenden Figur!

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