Das passende Erzähltempo

Ähnlich wie ein Lied besitzt jeder Roman einen Rhythmus. Mal schreitet die Handlung zügig voran, dann wieder plätschert sie ruhig vor sich hin. Der Wechsel hält den Spannungsbogen aufrecht – und zieht die Leserinnen in den Bann. Wenn das Tempo wunderbar mit der Handlung harmoniert, ist aus einem guten Buch ein fantastisches geworden.

Der Dirigent

Das Genre legt bereits grob den Takt fest. Ein Actionthriller verliert sich weniger in ausufernden Dialogen, während ein Liebesroman Zeit für Gefühle bietet. Dieses Tempo entspricht den Erwartungen des Lesers. Doch kleine Änderungen im Takt lockern die Handlung auf und gestalten sie abwechslungsreicher. Das Liebespaar darf sich gerne streiten, bis die Fetzen fliegen, die Actionheldin in ruhigen Momenten über ihre riskante Aufgabe grübeln. Auf die Mischung kommt es an. Sie müssen also entscheiden, welche Szenen Sie schneller oder langsamer gestalten. Dabei stehen Ihnen verschiedene Instrumente zur Verfügung, um das gewünschte Tempo zu erreichen.

Das schnelle Allegro

Oft ist der Anfang eines Romans zeitraffend erzählt, ein langer Zeitraum wird auf wenigen Seiten zusammengefasst. Die Leserinnen lernen die Figuren kennen, kurz bevor die eigentliche Geschichte beginnt. Als Instrumente dienen große Zeitsprünge („Monate später war es endlich so weit.“) und kurze Beschreibungen, in denen nur das Nötigste erzählt wird. Sobald der Startpunkt erreicht ist, wo die Handlung so richtig ins Rollen kommt, verlangsamt sich das Tempo.
Grundsätzlich sollte eine Geschichte kurzweilig erzählt werden, um die Leser zu fesseln. Wenn ein Ereignis oder Erlebnis das nächste jagt und Ihre Figuren nur wenig Zeit haben, um Konflikte zu lösen, ist Ihnen die Aufmerksamkeit Ihrer Leser sicher. Die passende Wortwahl und eher kurze Sätze sind dabei hilfreich.

Vergleichen Sie folgende Szenen:

1. Henriette wusste schon seit Monaten, dass sich etwas ändern musste. Doch so sehr sie auch überlegte, fand sie keine Lösung für das Problem. Eines Nachts hatte Henriette eine Idee. Auch wenn sie selbst von ihr überzeugt war, musste sie noch die anderen Heimbewohner auf ihre Seite ziehen. Das würde besonders beim sturen Albert von gegenüber schwierig werden, der ihr bei jeder Gelegenheit widersprach und sie vor den anderen bloßstellte.

2. Endlich wusste Henriette, was zu tun war. Ohne zu zögern, trommelte sie alle Heimbewohner zusammen. Selbst der sture Albert von gegenüber war da. Unter seinem angriffslustigen Blick erläuterte Henriette ihren Plan.

In Szene eins werden die Leserinnen gemächlich mit Henriettes Problemen bekannt gemacht. Das Finden der Lösung ist eher eine Nebenerscheinung als der zündende Heureka-Moment. Szene zwei klingt gleich tatkräftiger und lebendiger.

Als weitere Instrumente können Sie Ellipsen verwenden (Nicht du, ich!) oder eine Vorausschau:

Sie wusste nicht, dass sie diese Entscheidung in wenigen Stunden bitter bereuen würde.

So merkwürdig es auch klingt, steigert das Auslassen einer Szene ebenfalls das Tempo und macht Ihre Leser nur neugieriger. Das gelingt Heinrich von Kleist in der Marquise von O…, wo er die Vergewaltigungsszene mit der Titelheldin und dem Grafen F… nur andeutet. Die eigentliche Handlung spielt sich in der Fantasie der Leserin ab. Streichen Sie daher ruhig eine Szene und geben Sie Ihrer Geschichte so das richtige Tempo.

Das gemäßigte Andante

Irgendwann brauchen Protagonisten und Leserinnen eine Verschnaufpause. Längere Dialoge und Monologe machen diese möglich und halten die Spannung aufrecht. Die erzählte Zeit und die Erzählzeit stimmen überein, da für das Lesen ungefähr gleich lange gebraucht wird wie für das Sprechen.
Bei einem (inneren) Monolog werden die Motive oder der Antrieb des Helden herausgearbeitet. Die Leserinnen identifizieren sich so mit ihm und verstehen sein Handeln. Auch hier können Sie natürlich mit dem Tempo spielen, ein schneller Dialog kann Konflikte zuspitzen:

„Wieso kommst du so spät von der Arbeit?“
„Kontrollierst du mich etwa? Ich bin dir keine Rechenschaft schuldig!“

Monolog und Dialog komponieren Sie lebendig, wenn Sie beide parallel zur Handlung verwenden: Während der rasanten Verfolgungsjagd streiten sich zwei Protagonisten oder Ihre Titelheldin denkt bei einem Waldspaziergang über ihre Probleme nach.

Das ruhige Adagio

Wenn die Leser flotte Geschichten mögen, wozu sollten Sie langsame Szenen einbauen? Weil Sie hier die Möglichkeit haben, Atmosphäre zu schaffen. Eine schnelle Erzählweise gibt Beschreibungen wenig Spielraum. Die Figuren hetzen durch die Handlung, wobei das Kopfkino der Leser zu kurz kommt. Um richtig in die Geschichte eintauchen zu können, müssen die Gefühle der Protagonisten und die Umgebung erlebbar erzählt werden. Das erleichtert den Leserinnen die Identifikation mit Ihren Figuren und deren Reaktionen.
Plätschert die Geschichte also mal gemächlich vor sich hin, bedeutet das keineswegs Langeweile. Mit den richtigen Instrumenten können Sie durch Dehnung der Zeit die Spannung erhöhen, indem die Figur auf ein wichtiges Ereignis wartet und ihre Nervosität deutlich wird:

Bärbel trommelte mit den Fingern auf dem Fensterbrett. Seit Stunden beobachtete sie die Straße und noch immer war Jürgen nicht aufgetaucht.

Einen Unterschied macht auch die Perspektive aus. Erzählen Sie, wie Ihr Protagonist die Landschaft wahrnimmt, und erzeugen damit Spannung:

Philipp konnte weit und breit keine Straße entdecken. Nahm das Grün denn überhaupt kein Ende?

Oder beschreiben Sie neutral:

Die Felder reichten bis zum Horizont.

Langsame Passagen betonen den folgenden Höhepunkt, sind die „Ruhe vor dem Sturm“. Während Ihr Held wochenlang sein monotones Boxtraining absolviert, fiebern Ihre Leser dem eigentlichen Kampf entgegen. Die Spannung steigt spürbar.

Ein gemächliches Tempo erreichen Sie auch mit der repetitiven Erzählfrequenz. Dabei beschreiben Sie ein und dieselbe Situation aus der Perspektive mehrerer Figuren. So erhalten Ihre Leserinnen einen umfassenden Einblick in ein bestimmtes Ereignis.
Auch die Analepse, den meisten besser bekannt als Rückblende, ist ein beliebtes Mittel, um das Tempo zu beeinflussen. Sie stoppt zwar den aktuellen Handlungsstrang, trägt aber zum Verständnis bei. Sie können damit Ihren Leserinnen wichtige Hintergrundinformationen geben, ohne ausufernd die Vergangenheit beschreiben zu müssen.

Die passenden Taktwechsel?

Um mit der Zeit ein sicheres Gespür für die passenden Taktwechsel zu entwickeln: Fragen Sie sich vor dem Schreiben und beim Überarbeiten jeder Szene, wie wichtig diese für den Handlungsverlauf ist. Daraus ergibt sich meist eine detaillierte oder knappe Gestaltung.
Wichtig ist ebenfalls, wie sich die Handlung auf die Heldin auswirkt. Ist sie vom Charakter eher entspannt oder steht sie ständig unter Strom? Überschlagen sich die Ereignisse, laufen einige sogar
parallel ab oder folgt eines auf das andere? Die Antworten auf diese Fragen helfen bei der Komposition des Tempos. Ebenso wie das Probieren: Spielen Sie mit den Satzstrukturen, wo passen kurze, wo lange Sätze besser zum Handlungsverlauf?

Wenn Sie den Rhythmus für Ihren Text gefunden haben, geht es Ihnen beim Schreiben vielleicht so wie dem japanischen Schriftsteller Haruki Murakami: So hatte ich beim Schreiben weniger das Gefühl gehabt, „einen Text zu verfassen“, als vielmehr „ein Musikstück zu spielen“, ein Gefühl, das ich mir bis heute sorgsam bewahrt habe. […] Ich halte einen bestimmten Rhythmus
ein, suche nach schönen Klangfolgen und glaube an die Kraft der musikalischen Improvisation. (Quelle Haruki Murakami: Von Beruf Schriftsteller, Du-Mont Buchverlag 2016; S. 38 f.)

Dieser Beitrag erschien vorab in der Textküche der „Federwelt“, Heft 124, S. 36 ff.

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